PhysioLabs
Rückblick
Stürzende Profifußballer kennt jeder – doch Hochleistung gibt es auch jenseits des Sports. Darstellende Künstlerinnen wie Instrumentalistinnen, Sängerinnen, Berufssprecherinnen und Tänzerinnen trainieren täglich viele Stunden, häufig in unphysiologischen Körperhaltungen, und stehen dabei unter erheblichem Leistungs- und Erfolgsdruck. Verletzungen und chronische Überlastungen sind in dieser Berufsgruppe verbreitet – werden aber selten offen thematisiert. Beim 41. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) in Osnabrück ordnete Prof. Dr. Dirk Möller (Schwerpunkt angewandte Bewegungsanalyse und Clinical Reasoning, Hochschule Osnabrück) ein, wie moderne, sensorbasierte Diagnostik hier ansetzen kann.
Anders als am Spielfeldrand fehlt am Orchestergraben die selbstverständliche medizinische Begleitung. Einseitige, lange Belastungen führen zu spielbedingten Beschwerden mit charakteristischen Mustern: Bei Violinistinnen betreffen sie vor allem Nacken, Schulter und Unterarme, bei Pianistinnen häufig Handgelenke, Nacken und Schultern, bei Schlagzeugerinnen eher Hände und Lendenwirbelsäule; Tänzerinnen klagen typischerweise über Sprunggelenke, Hüften, Knie und die LWS.
Genau hier setzt die sensorbasierte Funktionsdiagnostik an: Kinetische, kinematische und elektromyographische Assessmentverfahren liefern objektive Zusatzinformationen, mit denen sich Dysfunktionen identifizieren und Therapieentscheidungen gezielt unterstützen lassen. Im DFG-geförderten Projekt PA.H|LIFETIME.ai – einer Kooperation von Osnabrück und Hannover – werden die Belastungen darstellender Künstler*innen systematisch untersucht, um Risikoprofile und mithilfe künstlicher Intelligenz prädiktive Modelle abzuleiten. Aus den Messreihen sollen nicht nur individuelle Therapieempfehlungen, sondern auch Leitlinien sowie Präventions- und Trainingsanleitungen entstehen.
Getragen wird diese Entwicklung von einer wachsenden Infrastruktur: Neben der etablierten „Musiker-Sprechstunde" am INAPO der Hochschule Osnabrück gibt es ein entsprechendes Angebot inzwischen auch in Hannover am Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin. In Osnabrück wurde zudem die weltweit erste Professur für „Performing Arts Physiotherapy" eingerichtet; ein erster Master-Studiengang gleichen Namens ist in Vorbereitung.
Mehr zum Kongress: Programm des 41. GOTS-Jahreskongresses · zur GOTS-Pressemitteilung
Im Mai 2026 war Prof. Dr. Dirk Möller eingeladen, im Rahmen der „Performing Arts and Sports Health Grand Rounds" der Johns Hopkins University in Baltimore (USA) zu sprechen – einer gemeinsamen Vortragsreihe der Departments of Orthopaedic Surgery und Physical Medicine and Rehabilitation. Unter dem Titel „Sensor-based Motion Analysis and Performing Artists – Gimmick or important part of the management?" ging er der Frage nach, welchen Stellenwert die sensorbasierte Bewegungsanalyse – etwa mittels EMG und Motion Capturing – in der Betreuung von Künstlerinnen und Künstlern tatsächlich hat: technische Spielerei oder fester Bestandteil eines fundierten Managements?
Der Vortrag knüpft unmittelbar an einen Forschungsschwerpunkt der PhysioLabs an: die objektive, sensorgestützte Analyse von Muskelaktivität und Bewegung im Kontext der Musiker- und Künstlergesundheit. Die Einladung an eine der renommiertesten medizinischen Einrichtungen der USA unterstreicht die internationale Sichtbarkeit dieser Arbeit am Standort Osnabrück.