Wahrnehmung, Vermittlung & Didaktik
Zur Person: Charlotte Mujcic-Wolf (geb. 1998 in Oldenburg) wuchs in Osnabrück auf, wo sie ihr
Bachelorstudium im Fach Klassik-Violine bei Prof. Hauko Wessel am Institut für Musik (IfM) der Hochschule
Osnabrück absolvierte. Ihr Masterstudium „Musik und Vermittlung“ (Violine bei Prof. Midori Goto) mit der Zusatzqualifikation Elementare Musikpädagogik schloss sie an der Musikhochschule Münster ab. Neben ihrer
Praxiserfahrung als Musikschullehrkraft in Rheine (Violine, EMP, Ensemblearbeit, JeKits) ist sie als Lehrbeauftragte für die Didaktik des Klassenmusizierens (Streicher) am IfM Osnabrück tätig. Seit Mai 2025 promoviert sie an der Musikhochschule Münster (Betreuung: Prof. Tomoko Akasaka und Prof. Dr. Kerstin Weuthen, RSH Düsseldorf).
Forschungsansatz & Motivation: Erste Berührungspunkte mit der relativen Solmisation hatte sie im Alter von
12 Jahren in der Studienvorbereitenden Ausbildung (SVA) an der Musik- und Kunstschule Osnabrück. Im
Bachelorstudium traf sie erneut auf die Solmisation. In der späteren Lehrtätigkeit stellte sie fest, dass Solmisation in der Breite der Instrumentalpädagogik kaum verankert ist obwohl Literatur und didaktisches Material existieren. Diese Diskrepanz warf zentrale Fragen für ihre Forschungsarbeit auf: Warum wird die Methode in der Praxis so wenig genutzt, und was benötigen Streicherlehrkräfte konkret, um sie erfolgreich im Anfangsunterricht einzusetzen?
Die moderne Musikpädagogik steht vor einer grundlegenden Herausforderung: Wie kann die Relative Solmisation so selbstverständlich in die Instrumental- und Vokalpädagogik eingeflochten werden, dass sie für Lehrkräfte und Lernende gleichermaßen zu einem intuitiven und selbstverständlichen Werkzeug wird?
Das Forschungsziel und seine historischen Wurzeln
Im Zentrum steht die Vision einer solmisationsgeleiteten Unterrichtspraxis – greifbar unter anderem in der Solmisationsgeleiteten Instrumental- und Streicherdidaktik (SIS) (https://www.hs-osnabrueck.de/prof-hauko-wessel/#c160844). Betrachtet man diesen Ansatz, drängt sich unweigerlich eine historische Frage auf: Wie konnte es über viele Jahrhunderte passieren, dass sich die Instrumental- und Vokalpädagogik den großartigen Möglichkeiten der Relativen Solmisation so konsequent verschlossen hat?
Über lange Zeit dominierte die Trennung von Theorie und Praxis sowie ein Absolutheitsanspruch der reinen Notenschrift. Musik wurde oft primär als optisch-mechanisches Phänomen verstanden (Notenbild Griffmuster), statt den entscheidenden Weg über das Innere Hören und die Relative Tonbeziehung zu nehmen.
Wo muss die Veränderung ansetzen?
Soll dieser Zustand nachhaltig überwunden werden, greift der Ansatz allein in der Musikschule zu kurz. Wenn die ausbildenden Lehrkräfte an den Musikhochschulen das Handwerkszeug der Relativen Solmisation selbst nicht verinnerlicht haben, kann es im Unterricht kaum flächendeckend seine Wirkung entfalten.
Der entscheidende Hebel liegt folglich in den Modulverlaufsplänen der Hochschulen und Universitäten. Um echte Praxistauglichkeit zu garantieren, müssen zukünftige Musikpädagoginnen und -pädagogen so ausgebildet werden, dass sie Relative Solmisation wie selbstverständlich beherrschen und einsetzen. Dies erfordert einen methodisch durchdachten Aufbau über mehrere Semester, flankiert von praxisnahen Prüfungsformaten wie z.B. Blattsingen, Vom-Blatt-Spielen und konkreten Lehrproben.
Aktuelle Bestandsaufnahme: Das Forschungskonsortium mit der KPH Wien
Um diese hochschuldidaktische Reform auf ein solides Fundament zu stellen, widmet sich ein aktuelles Forschungskonsortium gemeinsam mit der KPH Wien einer zentralen Bestandsaufnahme: Wie viele Semesterwochenstunden (SWS) werden für Relative Solmisation und verwandte Relative Musizieransätze (wie Ward oder Gordon) an deutschsprachigen Musikhochschulen und Universitäten tatsächlich gelehrt?
Die Ergebnisse dieses Konsortiums liefern wichtige Einblicke in den Status quo und verdeutlichen, wo Curricula und Modulstrukturen nachgeschärft werden sollten, um das enorme Potenzial der Relativen Solmisation für die professionelle Ausbildung nutzbar zu machen.
Weiterführende Materialien, Aufsätze und Einblicke in die Solmisationsgeleitete Instrumental- und Streicherdidaktik (SIS) finden sich auf www.hs-osnabrueck.de/prof-hauko-wessel/.