Wissenssnack: Fehlt uns Jod, wenn wir Kuhmilch durch Haferdrinks ersetzen? Dienstag, 7. Juli 2026

Zwei Männer und eine Frau stehen vor einem Feld, auf dem Hafer wächst und lächeln in die Kamera
Prof. Dr. Diemo Daum erforscht gemeinsam mit Anne Vrochte und Christoph Budke (v.r.) im Forschungsprojekt "JoMila – Jodreiche pflanzliche Milchalternativen," wie Hafer beim Anbau mit Jod angereichert werden kann.

Immer mehr Menschen ersetzen Kuhmilch durch Haferdrinks. Was viele nicht wissen: Milch zählt in Deutschland zu den wichtigsten Jodquellen.

Herkömmliche Haferdrinks enthalten dagegen meist nur sehr wenig Jod. Wer auf die pflanzlichen Alternativen umsteigt, dessen Jodzufuhr kann sinken. Das Spurenelement ist unentbehrlich für die Bildung von Schilddrüsenhormonen. Diese regulieren wichtige Prozesse im Körper, darunter Stoffwechsel, Energiehaushalt und Wachstum. Aktuelle Studien zeigen: Bereits heute sind viele Menschen unzureichend mit Jod versorgt.
Prof. Dr. Diemo Daum, Experte für Pflanzenernährung an der Hochschule Osnabrück, erforscht gemeinsam mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitenden Christopf Budke und Anne Vrochte im Projekt "JoMila – Jodreiche pflanzliche Milchalternativen", wie Haferdrinks künftig jodreicher werden könnten. Der Ansatz: Den Jodgehalt von Hafer bereits während des Anbaus gezielt erhöhen – durch die sogenannte agronomische Biofortifikation. 
 

Versuche zur Anreicherung des Hafers finden nicht nur auf dem Feld statt, sondern auch im Gewächshaus.
Aus der Vogelperspektive gut zu sehen: Das parzellierte Versuchsfeld am Waldhof in Rulle.
Regelmäßige Kontrollen und Messungen des auf unterschiedliche Weise mit Jod angereicherten Hafers sind für den Projekterfolg wichtig.

Herr Daum, Frau Vrochte, Herr Budke, wie ist die Jodversorgung in Deutschland aktuell einzuschätzen? Ist Jodmangel eher ein Randproblem oder betrifft es größere Teile der Bevölkerung?

Daum: Jodmangel ist in Deutschland wieder ein relevantes Gesundheitsthema. Rund ein Drittel der Erwachsenen und fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen sind nicht ausreichend mit Jod versorgt. Besonders häufig betroffen sind junge Frauen. Während der Schwangerschaft und Stillzeit steigt der Jodbedarf zusätzlich.

Was passiert, wenn ein Jodmangel unbemerkt bleibt? Welche wichtigen körperlichen Funktionen werden dadurch negativ beeinflusst?

Daum: Jod wird für die Bildung der Schilddrüsenhormone benötigt. Diese sind für grundlegende Körperfunktionen wie den Stoffwechsel, das Wachstum und die Entwicklung des Gehirns unverzichtbar. Bleibt ein Jodmangel über längere Zeit unbemerkt, kann dies die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen und zu einer Vergrößerung der Schilddrüse führen. Besonders kritisch ist eine Unterversorgung während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit, weil sie die geistige Entwicklung des Kindes beeinträchtigen kann.

Wodurch entsteht ein Jodmangel überhaupt? Welche Rolle spielen unsere heutigen Ernährungsgewohnheiten dabei – zum Beispiel weniger Fisch oder der Wechsel zu pflanzlichen Milchalternativen?

Daum: Deutschland ist von Natur aus ein jodarmes Land. Weil unsere Böden nur geringe Mengen Jod enthalten, gelangt auch nur wenig davon in Nahrungspflanzen. Für eine ausreichende Jodversorgung sind wir daher auf jodiertes Speisesalz sowie jodreiche Lebensmittel wie Milch und Milchprodukte oder Seefisch angewiesen. Werden diese Lebensmittel seltener verzehrt oder durch pflanzliche Alternativen ersetzt, kann die Jodzufuhr sinken.

Ihr Projekt setzt bei haferbasierten Milchalternativen an. Warum genau ist Hafer ein sinnvoller Ansatzpunkt, um die Jodversorgung zu verbessern?

Budke: Haferdrinks sind in Deutschland besonders beliebt und werden zunehmend als Alternative zu Kuhmilch genutzt. Im Gegensatz zu Kuhmilch enthalten sie jedoch meist nur sehr wenig Jod. Deshalb erforschen wir, wie sich der Jodgehalt des Hafers beim Anbau erhöhen lässt. So möchten wir die Grundlage dafür schaffen, dass haferbasierte Milchalternativen künftig einen relevanten Beitrag zur Jodversorgung leisten können.

Das Verfahren, dass Sie dafür anwenden möchten, nennt sich “agronomische Biofortifikation” – was bedeutet das und worin unterscheidet sich dieser Ansatz von einer klassischen Anreicherung von Lebensmitteln?

Vrochte: Bei der agronomischen Biofortifikation setzen wir bereits auf dem Feld an. Durch eine gezielte Joddüngung nehmen die Haferpflanzen das Spurenelement während des Wachstums auf und lagern es im Korn ein. Im Unterschied zur klassischen Anreicherung bei der Lebensmittelherstellung wird damit bereits der pflanzliche Rohstoff jodreicher. 

Wie muss man sich die praktische Forschung auf dem Feld vorstellen – was passiert dort, um den Jodgehalt im Hafer zu beeinflussen?

Vrochte: Wir legen über drei Jahre Feld- und Gewächshausversuche an, in denen wir verschiedene Formen und Zeitpunkte der Joddüngung vergleichen. Außerdem untersuchen wir, welchen Einfluss unterschiedliche Hafersorten, Böden und Witterungsbedingungen auf die Jodaufnahme haben. So wollen wir ein Verfahren entwickeln, das sich später auch unter Praxisbedingungen zuverlässig einsetzen lässt.

Und was passiert anschließend im Labor und bei der Verarbeitung – wie stellen Sie sicher, dass das Jod später auch im fertigen Haferdrink enthalten ist?

Budke: Im Labor analysieren wir den Jodgehalt und weitere wertgebende Inhaltsstoffe des biofortifizierten Hafers. Außerdem entwickeln wir gemeinsam mit unserem Projektpartner, dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) in Quakenbrück, ein Herstellungsverfahren für Haferdrinks, bei dem möglichst viel Jod während der Verarbeitung und der anschließenden Haltbarmachung erhalten bleibt. Gleichzeitig prüfen wir, wie sich die Biofortifikation auf den Geschmack, den Nährstoffgehalt und die Produktqualität auswirkt.

Wenn Ihr Ansatz erfolgreich ist: Welche Bedeutung könnte das langfristig für die Ernährung und die Gesundheit haben?

Daum: Unsere Vision ist es, dass sich Menschen auch bei einer pflanzenbetonten Ernährung ausreichend mit Jod versorgen können. Biofortifizierte Lebensmittel könnten die bisherigen Maßnahmen zur Sicherung der Jodversorgung – allen voran die Verwendung von jodiertem Speisesalz – sinnvoll ergänzen und so zur Vorbeugung von Jodmangelerkrankungen beitragen.

Beeinflusst die Joddüngung auch andere Inhaltsstoffe des Hafers? Und welche Chancen ergeben sich daraus möglicherweise für eine nachhaltigere Nutzung der gesamten Pflanze?

Daum: Vorausgehende Studien zeigen, dass eine Joddüngung nicht nur den Jodgehalt von Kulturpflanzen erhöht, sondern sich auch positiv auf den Gehalt ernährungsphysiologisch wertvoller Inhaltsstoffe und auf die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegenüber Trockenheit oder Krankheiten auswirken kann. Ob und in welchem Umfang dies auch für Hafer gilt, untersuchen wir im Projekt. Gleichzeitig entwickeln wir Konzepte, wie jodreiche Nebenprodukte wie Stroh, Spelzen oder Verarbeitungsreste sinnvoll weiterverwertet werden können, etwa als Futtermittel oder als organischer Joddünger.

Über das Projekt

Das Projekt „JoMila – Jodreiche pflanzliche Milchalternativen: Gesunder Mehrwert nachhaltig erzeugt durch Biofortifikation von Hafer“ wird mit Mitteln des MWK Niedersachsen aus der Förderlinie ZERN – Zukunft Ernährung Niedersachsen gefördert und läuft bis Ende Januar 2029. Projektpartner ist das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik e. V. (DIL).

Von: Isabelle Diekmann

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