Neues EIP-Agri-Projekt bewilligt: „Grashähnchen“ eröffnet neue Perspektiven für Dauergrünland Dienstag, 30. Juni 2026

Übergabe des Bewilligungsbescheids für das Projekt „Grashähnchen“ im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium: Lukas Runnebaum und Prof. Dr. Heiner Westendarp, Hochschule Osnabrück, Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte sowie Prof. Dr. Kemal Aganovic vom Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e. V. (v. l.). Foto: Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Die Arbeitsgruppe Tierernährung der Hochschule Osnabrück unter der Leitung von Prof. Dr. Heiner Westendarp koordiniert ab dem 1. Juli 2026 das EIP-Agri-Projekt „Grashähnchen“. In enger Kooperation mit dem Deutschen Institut für Lebensmittel-technik e. V. in Quakenbrück, wird gemeinsam mit Prof. Dr. Kemal Aganovic und seinem Team untersucht, ob Grünlandprotein künftig als regionale Eiweißquelle in der Broilerfütterung eingesetzt werden kann. Gefördert wird das Projekt mit insgesamt 483.272 Euro.

Grashähnchen – Alternative Nutzungskonzepte für Dauergrünlandflächen im Raum Niedersachsen

Dauergrünland prägt viele Regionen Niedersachsens. Wiesen und Weiden gehören zum Landschaftsbild, bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen, schützen Böden vor Erosion, speichern Kohlenstoff und helfen dabei, Wasser in der Landschaft zu halten. Damit diese Flächen jedoch langfristig erhalten bleiben, benötigen sie nicht nur ökologische Wertschätzung. Sie benötigen auch eine wirtschaftliche Perspektive. Genau hier setzt das neue EIP-Agri-Projekt „Grashähnchen“ an. 

Das auf drei Jahre angelegte Projekt untersucht den Einsatz von Grünlandprotein in der Broilerfütterung. Das Ziel besteht darin, ein alternatives, regionales Verwertungskonzept für Dauergrünland zu entwickeln und dessen ökologische und wirtschaftliche Effekte entlang der Prozesskette zu bewerten. Das Vorhaben wird über EIP-Agri Niedersachsen mit Mitteln der Europäischen Union gefördert. Damit greift „Grashähnchen” zwei zentrale Fragen auf. Wie lässt sich Dauergrünland künftig vielseitiger und wirtschaftlich tragfähiger nutzen? Und wie kann die Eiweißversorgung in der Tierhaltung regionaler und ressourcenschonender gestaltet werden?

Grünlandprotein für die Broilerfütterung

Für eine bedarfsgerechte Fütterung von Broilern sind gut verwertbare Proteinquellen entscheidend. Bisher stammt ein großer Teil dieser Eiweißversorgung aus importiertem Soja. Gleichzeitig wächst auf niedersächsischen Grünlandflächen eine Ressource, die bisher vor allem in der Rinderfütterung genutzt wird. Broiler können diese faserreichen Grünlandpflanzen jedoch nicht direkt verwerten. Sie müssen zunächst so aufgeschlossen werden, dass die enthaltenen Proteine für die Tiere nutzbar werden. Das daraus gewonnene Proteinkonzentrat kann aufgrund seiner Aminosäurezusammensetzung eine interessante Alternative zu Soja darstellen. Genau hier setzt der Lösungsansatz des Projekts an.

Der Prozess beginnt mit der Ernte der Grünlandpflanzen. Die Pflanzen werden gepresst, wodurch ein eiweißreicher Pflanzensaft und ein faserreicher Presskuchen entstehen. Der Pflanzensaft wird anschließend weiter aufbereitet und getrocknet, sodass ein Proteinextrakt entsteht, der dem Futter beigemischt werden kann. Auch der Presskuchen bleibt als Koppelprodukt erhalten und kann regional weiterverwertet werden. So wird die Pflanze möglichst umfassend genutzt. Im Projekt wird unter Praxisbedingungen untersucht, ob und in welchem Umfang das gewonnene Grünlandprotein Soja in der Broilerfütterung ersetzen kann. Das Projekt „Grashähnchen“ begleitet dafür die gesamte Prozesskette von der Bewirtschaftung des Dauergrünlands bis zur Bewertung des Endprodukts. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob sich Grünlandprotein unter praktischen Bedingungen sinnvoll in der Broilerfütterung nutzen lässt.

Kreislaufwirtschaft in der Region stärken

Das Projekt „Grashähnchen“ verfolgt über die Fütterung hinaus das Ziel, die regionale Kreislaufwirtschaft zu stärken. Wenn Protein aus regionalem Dauergrünland gewonnen und in der Region eingesetzt wird, können Transportwege verkürzt und die Abhängigkeit von internationalen Rohstoffmärkten verringert werden. Gleichzeitig bleiben Nährstoffe dort, wo sie entstehen und gebraucht werden. Nebenprodukte werden weitergenutzt und die anfallenden Nährstoffe können wieder auf landwirtschaftliche Flächen zurückgeführt werden. So wird Dauergrünland nicht nur erhalten, sondern es wird aktiver Teil einer regionalen Wertschöpfungskette. Das Projekt „Grashähnchen” steht somit für einen Perspektivwechsel. Dauergrünland wird dabei nicht nur als Landschaftselement oder als Futter für Rinder betrachtet, sondern auch als mögliche Eiweißquelle für Tiere, die Grünlandpflanzen normalerweise nicht direkt verwerten können. Wenn sich dieser Ansatz bewährt, könnte Grünlandprotein dazu beitragen, die Broilerfütterung regionaler und ressourcenschonender zu gestalten und dem Dauergrünland eine zusätzliche produktive Funktion zu verleihen. Entscheidend ist dabei, ob ökologische Vorteile und wirtschaftliche Tragfähigkeit zusammenkommen.

Praxis, Forschung und Verarbeitung greifen ineinander

Die Umsetzung des Projekts ist eng mit der landwirtschaftlichen Praxis verbunden. Der Betrieb Ögens in Nordenham bringt Dauergrünland, praktische Erfahrung und Anknüpfungspunkte aus früheren Arbeiten zur Gewinnung von Grünlandprotein ein. Die Hochschule Osnabrück begleitet das Vorhaben wissenschaftlich und untersucht dabei unter anderem die Bereiche Fütterung, Tierwohl, Leistung sowie ökologische und ökonomische Effekte. Die AGRAVIS AG unterstützt die Rationsoptimierung und bringt Erfahrung aus der praktischen Tierernährung ein. 

Von besonderer Bedeutung ist zudem die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e. V.  in Quakenbrück. Das Institut verfügt über Erfahrung in der Verarbeitung von Grünlandpflanzen und der Gewinnung pflanzlicher Proteine. Ergänzend bringt es seine Expertise in die Bewertung der Fleischqualität ein, sodass neben dem Futtermittel auch das erzeugte Lebensmittel berücksichtigt wird. So werden landwirtschaftliche Praxis, Verarbeitung, Fütterung und wissenschaftliche Bewertung miteinander verbunden. Am Ende steht nicht nur die Frage, ob ein neues Futtermittel hergestellt werden kann, sondern auch, ob sich daraus ein praxistaugliches Nutzungskonzept entwickeln lässt.

Von: Ronan Morris