Jedes Jahr findet am 21. September der Welt-Alzheimertag statt. In diesem Jahr steht er unter dem Motto "Demenz – (k)eine Frage des Alters". Demenz kann jeden betreffen – direkt oder indirekt. Viele Menschen kennen jemanden im Familien- oder Freundeskreis, der mit Demenz lebt. Doch was bedeutet das eigentlich? Welche Faktoren können das Risiko beeinflussen und was kann jeder selbst tun?
Antworten auf diese Fragen geben Theresa Varel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Pflegewissenschaften und zuständig für die Labor- und Studierendenbetreuung im dualen Pflegestudium, sowie Felix Daum, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Health Administration im Projekt Interreg VI "Zusammen entwickeln – Technology and positive Health" (ZETH) an der Hochschule Osnabrück.
Frau Varel, Herr Daum, was versteht man unter dem Begriff Demenz?
Varel: Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die unter anderem mit einem fortschreitenden Abbau kognitiver Fähigkeiten verbunden sind. Die bekannteste Form ist die Alzheimer-Demenz. Wichtig ist: Demenz kennt kein Alter. Sie kann bei dem 90-Jährigen auftreten, aber sich auch schon bei kleinen Kindern entwickeln.
Daum: Gesellschaftlich unterteilen wir grob in drei Arten der Demenz. Neben der Alzheimer-Demenz gibt es die vaskuläre Demenz, die im Zusammenhang mit Erkrankungen der Blutgefäße und einer beeinträchtigten Durchblutung des Gehirns steht. Daneben gibt es Mischtypen und verschiedene weitere Sonderformen. Die Ursachen sind entsprechend vielfältig und oft kommen mehrere Faktoren zusammen.
Was beeinflusst das Demenzrisiko?
Varel: Aus meiner Erfahrung in der Pflege spielen soziale Kontakte und geistige Aktivität eine wichtige Rolle. Wenn Menschen sich stark zurückziehen und weniger am sozialen Leben teilnehmen, fehlt häufig auch die geistige Anregung. Ob Einsamkeit allein tatsächlich eine Demenz verursacht, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten und ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.
Daum: Bei bestimmten Demenzformen kennen wir die Risikofaktoren recht gut. Bei der vaskulären Demenz spielen beispielsweise Rauchen, Diabetes und andere chronische Erkrankungen eine Rolle. Gleichzeitig können auch genetische Faktoren von Bedeutung sein. Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung können hingegen dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken. Deshalb lässt sich das individuelle Risiko nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren.
Kann man selbst etwas tun, um das Risiko zu senken?
Varel: Bewegung, geistige Beschäftigung und soziale Kontakte sind sicherlich wichtige Bausteine. Es geht dabei nicht darum, ständig etwas leisten zu müssen. Entscheidend ist, aktiv zu bleiben, sich für Dinge zu interessieren, sich weiterzubilden und mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben.
Daum: Auch gutes Hören und Sehen sind wichtig. Hörgeräte und Sehhilfen können dabei helfen, die Orientierung zu erhalten. Wenn Menschen ihre Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen können, entstehen schnell Unsicherheit und Rückzug. Gerade im Klinikalltag sehen wir, wie wichtig Orientierung und vertraute Strukturen sind. Routinen können Sicherheit geben und dazu beitragen, dass Menschen möglichst lange selbstständig bleiben.
Merken Menschen mit Demenz selbst, dass sich etwas verändert?
Varel: Gerade am Anfang bemerken viele Menschen durchaus, dass etwas anders ist. Ihnen und ihrer Familie fällt beispielsweise auf, dass Dinge mehrfach erzählt werden, jemand immer wieder nach seiner Brille sucht oder Kleidung falsch herum angezogen wird. Sie versuchen dann, die Veränderungen zu verbergen und eine Fassade aufrechtzuerhalten. Wir merken solche Veränderungen im Pflegealltag relativ schnell.
Was passiert im Kopf, wenn eine Demenz voranschreitet?
Daum: In der Begleitung von Menschen mit Demenz wird häufig mit Bildern gearbeitet, um die Veränderungen verständlich zu machen. Ein anschauliches Beispiel ist das Bücherregal: Also Bücher, die relativ neu beschrieben sind, sind vergleichbar mit unserem Kurzzeitgedächtnis. Menschen mit fortschreitender Demenz fällt es zunehmend schwer, neue Informationen aufzunehmen. Deshalb sind es oft die älteren Bücher/Erinnerungen, die wieder zum Vorschein kommen. Alles, was tief im Langzeitgedächtnis verankert ist, dazu gehören beispielsweise Schlüsselmomente aus der Kindheit, können wieder in den Vordergrund treten. Deshalb erleben Menschen mit Demenz manchmal Situationen aus einer früheren Lebensphase besonders intensiv. Sie sind dann in einer ganz anderen Lebensrealität.
Welche Rolle spielt Demenz in Bezug auf die Gesundheits-Studiengänge am Campus Lingen und wie werden die Studierenden auf das Thema vorbereitet?
Varel: Demenz spielt in verschiedenen Modulen des Pflegestudiums eine Rolle. Die Studierenden lernen, mit den unterschiedlichen Ausprägungen umzugehen. Wie begegne ich beispielsweise jemandem, der sehr zurückhaltend ist, während ein anderer aufgrund seiner demenziellen Veränderung mit Unruhe oder Aggressivität reagiert? In der Praxis sammeln die Studierenden in den verschiedensten Praxiseinsätzen diverse Erfahrungen. Dazu gehört vor allem die Geriatrie (Altersmedizin).
Daum: Wichtig ist dabei der ganzheitliche Blick. Wir betrachten nicht nur die Erkrankung, sondern den Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Gerade im Krankenhaus wird deutlich, dass sich die pflegerische Profession und die medizinische zwar in vielen Punkten ergänzen, aber nicht immer deckungsgleich sind. Für uns ist es sehr wichtig, dass ein Patient oder eine Patientin mit demenziellen Veränderungen auch gut und sicher wieder in sein oder ihr häusliches Umfeld übergeleitet werden kann. Was kann die Person noch selbst, wo braucht sie Unterstützung und welche Fähigkeiten können wir fördern? Diese Perspektive ist ein wichtiger Bestandteil des Pflegestudiums.
In der Lehre versuchen wir zudem, Perspektivwechsel zu ermöglichen. Deshalb arbeiten wir auch fachübergreifend mit der Theaterpädagogik zusammen. Dabei schlüpfen die Studierenden der Theaterpädagogik in die Rolle von Patient*innen. So können typische Situationen aus dem Pflegealltag nachgestellt werden. Ebenso nutzen wir neue Technologien wie Virtual-Reality-Trainings.
Was ist Ihr Rat für den Umgang mit Demenz?
Daum: Aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen und gesundheitliche Risikofaktoren ernst nehmen. Gleichzeitig sollten wir als Gesellschaft offen mit dem Thema umgehen. Egal, ob es indirekt oder direkt im privaten Umfeld auftritt, die Betroffenen sollten nicht isoliert werden. Wenn man bei sich selbst Veränderungen feststellt, sollte man frühzeitig das Gespräch suchen. Eine frühe Abklärung kann helfen, Ursachen zu erkennen und Unterstützungsmöglichkeiten zu nutzen.
Varel: Das gilt auch für Angehörige. Unterstützung und ein transparenter Umgang können viel bewirken. Demenz kann jeden betreffen – sie sollte aber niemals den Menschen als Ganzes definieren.
Daum: Genau darum geht es: Barrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Auch mit einer Demenzerkrankung können Menschen in vielen Bereichen selbstständig handeln, Entscheidungen treffen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für den Wissenssnack genommen haben.
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Von: Miriam Kronen