Gute Pflege erfordert gutes Fachwissen Dienstag, 5. Dezember 2017

Elisabeth Beikirch, ehemalige Ombudsfrau zur Entbürokratisierung der Pflege im BMG und fachliche Leitung des Projektbüros Ein-STEP sowie Ko-Autorin des Strukturmodells, referierte auf dem 14. Jahresworkshop des Netzwerks Versorgungskontinuität in Osnabrück.

14. Jahresworkshop des Netzwerkes Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V.

(Osnabrück, 5. Dezember 2017) Die Pflege geriet im Bundestagswahlkampf im Kontext von Pflegenotstand und Niedriglohnbereich mehrfach in die Negativschlagzeilen, der Umstand, dass Pflege eine wissensintensive Tätigkeit ist und damit hochattraktiv und modern, ging häufig unter. Dabei wird immer deutlicher, dass Pflegekräfte auf aktuelles Wissen zurückgreifen und dieses in herausfordernden Situationen anwenden müssen.

Darüber diskutierten im November die Teilnehmenden des 14. Jahresworkshops des Netzwerkes Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V. mit hochkarätigen Rednerinnen und Rednern im Remarque Hotel Osnabrück. Elisabeth Beikirch, ehemalige fachliche Leitung im Projektbüro Ein-STEP, fasste rückblickend das Projekt „Entbürokratisierung der Pflegedokumentation“ zusammen, das in dem Strukturmodell zur Pflegedokumentation mündete. Mittlerweile ist das Strukturmodell für die Altenpflege und die ambulante Pflege gesetzlich verbindlich und bundesweit im Einsatz. „Die Entbürokratisierung befreit Pflegekräfte davon, mechanistisch überbordende Dokumentationspflichten zu erfüllen. Wir haben ein juristisch abgesichertes Konzept entwickelt, mit dem ein vollkommen neuer Weg im pflegerischen Informationsmanagement beschritten werden kann“, so Beikirch. Dokumentiert würden nun nur noch die Änderungen im Vergleich zu einer initial durchgeführten Einschätzung und Pflegeplanung für den Bewohner oder Patienten. Das helfe der Pflegekraft, so Beikirch, sich auf die intensive Erstbegutachtung des Bewohners und Patienten zu konzentrieren und durch ihre Fachlichkeit eine umfassende personenzentrierte Beschreibung der Pflegebedürfnisse und Maßnahmen zu formulieren.

Dass die Umsetzung des Strukturmodells machbar ist, berichtete Axel Spieker vom Niels-Stensen-Pflegezentrum Ankum. Spieker hatte sich gleich zwei Ziele für seine Einrichtung vorgenommen, nämlich das Strukturmodell umzusetzen und zeitgleich eine elektronische Pflegedokumentation einzuführen. „Beides ist uns gelungen. Ich kann damit wichtige Informationen an unterschiedlichen Orten für unterschiedliche Personengruppen umfassend bereitstellen“. Seine Erfahrungen als Beauftragter des Strukturmodells will Spieker nun in den Caritasverband für die Diözese Osnabrück einbringen und als Multiplikator dienen.

Wie aber kann es gelingen, dass Pflegekräfte auch in Zukunft eine den neusten Erkenntnissen entsprechende Einschätzung der Pflegebedürftigen durchführen, planen und dokumentieren können? Auch in der Pflege veraltet Wissen und wird durch neue Erkenntnisse ersetzt. Die moderne Wundversorgung ist ein Paradebeispiel hierfür, aber auch beispielsweise in der Hygiene und der Pflege von Menschen mit Demenz wächst das Wissen stetig.

Wie dies gelingen kann, legte Dr. Ann Kristin Rotegård von VAR Healthcare aus Oslo dar. Mit VAR, einem nach der nordischen Göttin Var („Wissen“) benannten elektronischen System für Wissensmanagement und Entscheidungsunterstützung in der Pflege, gibt es erstmalig eine evidenzbasierte, interaktive Wissensplattform, die Rotegård auch in ihrer deutschen Übersetzung demonstrierte.
Das abrufbare Wissen ist transparent dargestellt und beruht auf aktueller internationaler Literatur, erklärte sie den Teilnehmenden. Ziel sei es, dass die Pflegekräfte das zur Verfügung gestellte Wissen nutzen, um ihr Handeln zu überdenken. „Dies entspricht auch dem Kern der evidenzbasierten Praxis, die wissenschaftliche Ergebnisse stets mit lokalen Erkenntnissen zusammenbringt.“ Elektronisch verfügbares Wissen und elektronische Dokumentation dienten damit nicht der Entprofessionalisierung von Pflege, sondern verlangten vielmehr, sich bewusst mit dem eigenen Wissen und Nichtwissen auseinanderzusetzen.

Dass Wissen vielfältig verfügbar ist, verdeutlichten Karen Güttler und Stephan Zieme von der Firma atacama Software  aus Bremen. Die gelernten Pflegekräfte betonten, dass fachliches Wissen bereits in jeder Fachsprache enthalten sei. Umgekehrt könnten fachliche Terminologien auch zur Wissensbildung beitragen. In der Pflege gebe es auch im deutschsprachigen Raum Terminologien wie beispielsweise LEP® (Leistungserfassung in der Pflege) für eine einheitliche Dokumentation von Leistungen. Oder apenio®, das auf der Internationalen Klassifikation der Pflegepraxis (ICNP) aufbaue und den Fokus auf interdisziplinäre Zusammenarbeit lege. Der Vorteil von Terminologien sei ihre Eindeutigkeit, erklärte Güttler, das mache sie zur idealen Schnittstelle zwischen Mensch und Wissensmaschine. Denn Freitext, wie im Strukturmodell gefordert und Terminologien seien kein Widerspruch, betonte Zieme. „Schlüsselbegriffe im Freitext können mit Fachtermini gemappt werden und ermöglichen dann den Zugang zu Wissen, das zu diesen Termini in einem Wissensnetz hinterlegt ist.“

Was noch futuristisch klingt, kann bald schon Realität werden. In dem von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt PosiThera arbeiten die Hochschule Osnabrück, die Universitätsmedizin Göttingen und die Firmen atacama und PlanOrg Informatik aus Jena zusammen, um ein prozess- und entscheidungsunterstützendes System in der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden zu konzipieren und zu demonstrieren. Professor Dr. Björn Sellemann, früher an der Hochschule Osnabrück und der Universitätsmedizin Göttingen, jüngst auf eine Professur im Bereich IT in der Pflege an der Fachhochschule Münster berufen, stellte das Projekt unter der These „Wer Versorgungskontinuität ernten will, muss Informationskontinuität sähen“ vor.

Moderator Prof. Dr. Daniel Flemming von der Katholischen Stiftungshochschule München, fasste die verschiedenen Vorträge als Aufforderung an die Gesellschaft zusammen, ausgehend vom Strukturmodell und dem Entwickeln der pflegerischen Fachlichkeit, digitale Formen der Sammlung, Vermittlung und Nutzung von Information und Wissen in der Pflege aufzubauen und Pflege damit moderner und attraktiver zu gestalten.

Das Netzwerk Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V. ist ein gemeinnütziger Verein. Er verfolgt die Aufgabe, die digitale und informationelle Vernetzung von Gesundheitseinrichtungen mit dem Ziel einer Versorgungskontinuität für Patienten zu fördern. Zu diesem Zweck werden Veranstaltungen in der Region organisiert und Informationsstandards für das Gesundheitswesen entwickelt, insbesondere der ePflegebericht und der eWundbericht. Zudem befassen sich die Mitglieder mit Terminologien im Kontext einer Interoperabilität, d.h. Zusammenarbeit  unterschiedlicher IT Systeme. Der Verein pflegt den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis. Ihm gehören Vertreter von wesentlichen Gesundheitseinrichtungen und Firmen der Region Osnabrück sowie die Hochschule Osnabrück an.

Weiterführende Informationen und Publikationen: www.netzwerk-os.de

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Ursula Hübner
Vorsitzende des Netzwerks Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V.
Telefon: 0541 969-2012
E-Mail: u.huebner@hs-osnabrueck.de

Nicole Egbert
Geschäftsführerin des Netzwerks Versorgungskontinuität in der Region Osnabrück e.V.
Telefon: 0541 969-3252
E-Mail: n.egbert@hs-osnabrueck.de

Von: Prof. Dr. Ursula Hübner

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