„Braucht man im Zeitalter von KI noch BWL?“ Dienstag, 3. November 2026
Mit Prof. Dr. Heike Schinnenburg
Einleitung
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt in einem nie dagewesenen Tempo. Recherche, Berichte, Kommunikationsvorlagen, Analysen: Vieles davon kann KI heute bereits übernehmen. Was bedeutet das für das BWL-Studium, für Berufseinsteiger*innen und für betriebswirtschaftliche Kompetenzen insgesamt?
Diese Fragen haben wir Prof. Dr. Heike Schinnenburg gestellt. Sie ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Personalmanagement an der Hochschule Osnabrück. Als ehemalige Personalleiterin und Prokuristin verbindet sie wissenschaftliche Perspektive mit praktischer Erfahrung. In ihrer aktuellen Forschung untersucht sie die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Jobs und Kompetenzanforderungen der Zukunft. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts hat sie sich in Indien, Deutschland und der Schweiz vor Ort angeschaut, wie sich Wissensarbeit durch KI verändert.
Im Interview spricht sie über die Frage, die sich viele Studierende und Fachkräfte aktuell stellen: Braucht man im Zeitalter von KI noch BWL?
Das Interview
Sie forschen zu den Auswirkungen von KI auf Wissensarbeit und waren dazu unter anderem in Indien unterwegs. Was hat Sie bei Ihrer Forschung bisher am meisten überrascht?
Mich haben vor allem zwei Aspekte überrascht – weniger vom Inhalt her, aber in ihrer Dimension. Erstens: Ausgerechnet erfahrene Expertinnen und Experten profitieren besonders stark von KI. Sie arbeiten mit den Tools wie mit einem Sparringspartner und werden dabei teilweise um den Faktor fünf oder sogar zehn effizienter. Das hat mich erstaunt, weil Effizienzgewinne sonst eher im Bereich von 30 Prozent diskutiert werden. Aber insbesondere in der Softwareentwicklung, aber auch in Marketing und Kommunikation, bewegen wir uns in einer ganz anderen Größenordnung. Denn Expertinnen und Experten benötigen kaum noch Zeit für Rechercheaufgaben. Weil sie über Erfahrungswissen und Strukturwissen verfügen, können sie KI-Ergebnisse sofort auf Richtigkeit und Nutzbarkeit prüfen.
Zweitens erklärt sich daraus, warum wir gerade einen deutlichen Rückgang von Einstiegsjobs beobachten. Rechercheaufgaben, die KI heute gut übernehmen kann, wurden zuvor in großem Umfang von Berufseinsteigerinnen und -einsteigern erledigt. Über diese Aufgaben haben sie einerseits Basiskompetenzen aufgebaut und verstanden, wie ihr Arbeitsfeld funktioniert. Andererseits haben sie durch die Zusammenarbeit mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen gelernt, worauf es im Unternehmen wirklich ankommt. Genau dieser Lernpfad ist im Moment gefährdet.
Wenn Einstiegsjobs wegfallen, die bisher vor allem zum Lernen da waren: Wie sollen Berufseinsteiger*innen heute noch praktische Erfahrung aufbauen?
Viele unserer Studierenden – gerade in der BWL – bringen bereits gute Praxiserfahrung mit: Sie haben vorher eine Ausbildung gemacht, ein duales Studium oder Praktika absolviert. Viele sind während des Studiums zudem als Werkstudierende tätig. Diese Erfahrungen zahlen aufs Studium ein, denn als anwendungsorientierte Hochschule verknüpfen wir Theorie und Praxis – etwa über Projekte, Fallstudien und Kooperationen mit Unternehmen. Genau solche lebendigen, praxisorientierten Lernkonzepte fördern aus meiner Erfahrung die analytische Kompetenz und das Verständnis dafür, wie man in Unternehmen denken muss, um angesichts des schnellen Wandels erfolgreich zu sein.
Wo sehen Sie die größten Risiken für BWLler*innen beim Einsatz von KI?
Am gefährlichsten ist aus meiner Sicht ein „KI-first"-Ansatz: die Aufgabe wird nicht mehr selbst durchdacht, sondern direkt an ein KI-Tool übergeben. Das hat schwerwiegende Konsequenzen. Wer das Problem und seine Zusammenhänge nicht selbst durchdrungen hat, kann die KI-Ergebnisse auch nicht einordnen, weil das Grundverständnis fehlt. Langfristig ist das fatal. Beim Gehirn ist es wie bei Muskeln: Use it or lose it. Das Denken darf ich nicht auslagern. Wir brauchen Menschen, die Zusammenhänge kompetent einordnen und kritisch denken können. Das ist auch der Anspruch einer akademischen Ausbildung.
Ein weiterer Punkt wurde in meiner Forschung in Indien, Deutschland und der Schweiz deutlich: Die bevorzugte KI-Nutzung führt dazu, dass bei Problemen kaum noch Kolleginnen und Kollegen gefragt werden. Deren Erfahrungswissen würde in vielen Fällen aber deutlich weiterhelfen. Eine Kollegin würde sofort einordnen, wofür etwas gebraucht wird, was dabei noch wichtig ist, und zusätzliches Wissen mitgeben. Am Ende verringert sich auch der soziale Austausch und der Zusammenhalt im Team.
Wo sehen Sie die Grenzen von KI – welche betriebswirtschaftlichen Aufgaben wird sie auch in fünf Jahren noch nicht übernehmen können, und warum?
Natürlich kann niemand in die Zukunft schauen. Aber ich fand es spannend, dass die Expertinnen und Experten in meinem Forschungsprojekt überwiegend davon ausgehen, dass die Standard-Large-Language-Models – etwa ChatGPT oder Gemini – bald an ihre Grenzen stoßen. Das Netz wird zunehmend mit KI-generierten Inhalten überflutet, sodass sich die Fragen nach Qualität, Richtigkeit und vor allem Nützlichkeit der Ergebnisse immer stärker stellen. Wenn die KI am Ende überwiegend mit ihren eigenen Ergebnissen „gefüttert" wird, kann nichts wirklich Neues mehr entstehen.
Hinzu kommt der menschliche Faktor: Vertrauen und persönlicher Austausch. Vermutlich hat sich jeder von uns schon über einen Chatbot geärgert, der uns als Kunde bei einem speziellen Problem nicht weiterhelfen konnte. Das, so vermute ich, wird KI auch in Zukunft nicht so gut leisten wie Menschen.
Und wo sehen Sie die größten Chancen für BWLler*innen beim Einsatz von KI?
Die Möglichkeiten, schnell Informationen zu recherchieren oder eigene Ideen mit Hilfe von KI-Tools zu hinterfragen, sind großartig. Das macht aus meiner Sicht auch Spaß, weil man ein ganz anderes Sparring hat. Wenn man erst selbst denkt und die Zusammenhänge wirklich verstehen möchte, kann man die KI wie einen zusätzlichen Teampartner nutzen.
Wir sollten KI auf gar keinen Fall verteufeln. Wie bei fast allen neuen Technologien gilt: Eine kluge Anwendung sollte im Fokus stehen, keine unreflektierte Abwehr. Wir fahren ja auch alle nicht mehr mit der Pferdekutsche. Wenn man KI intelligent nutzt, erspart man sich zudem manche langweilige Routinearbeit. Man muss nur ein Grundverständnis mitbringen, ansonsten wird alles unreflektiert geglaubt.
Blicken wir auf Ausbildung und Studium: Welche Inhalte werden mit Blick auf KI im BWL-Studium immer wichtiger?
Zunächst: Wir brauchen nach wie vor klassische Inhalte, die man erst einmal verstehen muss. Das fällt nicht weg, nur weil man dieses Wissen auch mit KI „hervorholen" könnte. Dann rate ich aber insbesondere dazu, den Fokus auf echtes Verständnis von Praxisproblemen und deren Lösung zu legen: Wie funktionieren unterschiedliche Geschäftsmodelle? Warum ist eines erfolgreich, ein anderes gescheitert? Dieses Grundverständnis – theoretisches Hintergrundwissen mit praktischen Erkenntnissen zusammenzuführen – ist ganz zentral. Nur so kann man komplexe Probleme bearbeiten.
Dazu gehören für mich vor allem sehr grundlegende, überfachliche Kompetenzen. Wir sprechen auch von Zukunftskompetenzen: Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit in einer sich schnell verändernden Welt, kritisches Denken, also Informationen auf Richtigkeit und Plausibilität zu prüfen, und der Umgang mit Unsicherheit. Wir werden nie eine vollständige Ausbildung leisten können. Aber es muss um eine Art „Ausrüstung" gehen, mit der man sich neuen Herausforderungen mit einem guten Gefühl der eigenen Problemlösungskompetenz stellen kann. Dazu gehören auch Entscheidungen unter Unsicherheit – ein ganz klassisches BWL-Problem: analysieren, abwägen und eine Entscheidung treffen, mit der man leben kann. Das ist natürlich auch eine pädagogische Herausforderung für uns Lehrende: Lehr- und Prüfungsformate müssen so gestaltet sein, dass unsere Absolventinnen und Absolventen genau mit diesen Kompetenzen ausgerüstet sind.
Wenn Sie Ihren Studierenden einen Rat mitgeben müssten, um mit KI fit zu werden – welcher wäre es?
KI-Kompetenz aufbauen: die Tools ausprobieren und nutzen, allerdings mit einem ganz großen ABER: erst selbst denken.
Dann zum Schluss die Kernfrage unseres Interviews, ganz direkt: Braucht man im Zeitalter von KI noch BWL?
Aus großer Überzeugung: unbedingt. BWL ist eine Ausbildung, die verschiedene Bausteine zusammenführt: zum Beispiel Ökonomie, quantitative Methoden, den Umgang mit Menschen, ethische und Nachhaltigkeitsherausforderungen. Das ist ein Erfolgsfaktor. Ich habe es einmal nachgeschaut: 55 Prozent der DAX-Vorstände haben einen Hintergrund in Betriebs- oder Wirtschaftswissenschaften. Das kommt nicht von ungefähr.
BWL-Studiengänge bieten sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Interessen spannende Einsatzfelder – heute, aber auch in der Zukunft. Das finde ich gerade deshalb wichtig, weil die immense Vielfalt an Optionen viele junge Menschen und ihre Eltern heute überfordert. BWL ist für junge Leute, die an Wirtschaft interessiert sind, aber eher in der Breite talentiert sind – also kein ganz enges Interessenfeld haben – die Möglichkeit, sich in ganz verschiedenen Feldern weiterzuentwickeln und eigene Stärken zu entdecken.
BWL ist vor allem ein arbeitsmarktnaher Studiengang, aber kein enges Feld, in dem man nur für eine einzige Position ausgebildet wird. Und deshalb: Ja, wir brauchen im Zeitalter von KI definitiv BWL.
Zur Person
Prof. Dr. Heike Schinnenburg ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Personalmanagement an der Hochschule Osnabrück und Studiengangsleiterin des Masters Business Management. Nach kaufmännischer Ausbildung, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover und Promotion war sie mehrere Jahre als Unternehmens- und Personalberaterin tätig sowie als Personalleiterin und Prokuristin. Seit 2002 lehrt sie an der Hochschule Osnabrück; von 2006 bis 2014 hatte sie zudem eine Gastprofessur an der Shanghai University of International Business and Economy (SUIBE) inne.
Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich internationales Personalmanagement, Talentmanagement und Karriereforschung sowie Change Management. Aktuell untersucht sie die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf Jobs und Kompetenzanforderungen in der Zukunft – unter anderem in einem Forschungsprojekt mit Interviews in Indien, Deutschland und der Schweiz.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Heike Schinnenburg
Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Hochschule Osnabrück
E-Mail: h.schinnenburg@hs-osnabrueck.de
Telefon: 0541 969-3643
Von: Justine Prüne