Bundesverdienstkreuz für ehemalige Pflege-Professorin der Hochschule Osnabrück Montag, 21. September 2026
Prof. Dr. Doris Schiemann ist für ihre jahrzehntelange Pionierarbeit in der Pflegewissenschaft mit der höchsten staatlichen Auszeichnung geehrt worden
(Osnabrück, 21.09.2026) Ehrung für ihr Lebenswerk: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Prof. Dr. Doris Schiemann (i.R.) das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (kurz Bundesverdienstkreuz) verliehen. Für ihr jahrzehntelanges Engagement in der Pflegewissenschaft ist sie mit der höchsten Anerkennung ausgezeichnet worden, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht. Damit würdigt das Land ihre wissenschaftliche Pionierarbeit, die bis in die Gegenwart hineinwirkt. Bei einer Feierstunde im Osnabrücker Rathaus überreichte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter der ehemaligen Professorin der Hochschule Osnabrück die Medaille sowie die Verleihungsurkunde.
„Gute Pflege darf nicht an der Kassenlage scheitern“
„Wissenschaft wird für die Menschen vor allem dort lebendig, wo sie unser konkretes Leben berührt – wo sie Probleme anpackt und wo sie den Alltag spürbar besser und menschlicher macht.“ Doris Schiemann sei das personifizierte Vorbild für diesen Anspruch, so die Oberbürgermeisterin. Zudem betonte Pötter, dass es Schiemann bei der Standardisierung von Pflege nie zuvorderst um Effizienz oder Kostenreduktion gegangen sei, sondern vielmehr um die Würde des Menschen: „Gute Pflege darf nicht an der Kassenlage scheitern“, fasste Pötter Schiemanns Haltung zusammen. Die Oberbürgermeisterin dankte der Wissenschaftlerin für ihren langjährigen Einsatz als Mahnerin und Beraterin in bundesweiten Expertengremien sowie auf regionaler Ebene.
Pionierin bei der Entwicklung der ersten Pflegestudiengänge in Deutschland
„Prof. Dr. Doris Schiemann hat mit ihrer Pionierarbeit Maßstäbe bei der Akademisierung der Pflege in Deutschland gesetzt“, so Hochschul-Präsident Prof. Dr. Alexander Schmehmann. „Sie hat maßgeblich die Entwicklung und Umsetzung der bundesweit ersten Pflegestudiengänge an der Hochschule Osnabrück vorangetrieben. Mit ihrem unermüdlichen Engagement, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu bringen, hat sie nicht nur für unsere Hochschule einen unschätzbaren Beitrag geleistet. Sie hat auch bundesweit einen großen Beitrag zur Professionalisierung und Qualitätssteigerung der Pflege geleistet. Ich gratuliere herzlich zu dieser bedeutsamen und sehr verdienten Auszeichnung.“
Doris Schiemann zeigte sich über die Auszeichnung im Kreis geladener Gäste im Rathaus tief bewegt. „Während meiner Berufspraxis in der Universitätsmedizin Anfang der Siebzigerjahre war ich erschüttert von teils menschenverachtenden Praktiken in der Gynäkologie, Geburtshilfe und der Herzchirurgie. Die Pflege mit ihrem damaligen Bildungsstand hatte dem wenig entgegenzusetzen. Außer den Ärzten gab es noch keinen weiteren Gesundheitsberuf mit einer akademischen Qualifizierung und daher auch keine interkollegiale Kontrolle in der Gesundheitsversorgung. Das war mein Antrieb“, erinnerte sie sich und fuhr fort: „Ich sehe mich heute auch stellvertretend für meine Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule Osnabrück geehrt, die mit mir über drei Jahrzehnte mit viel Sachverstand und Engagement den Stein für die Akademisierung und Professionalisierung der Pflege ins Rollen gebracht haben.“
Bereits 1981 begann Schiemann als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit der curricularen Entwicklung des Faches Pflegewissenschaft für die Studienprogramme „Pflegedienstleitung im Krankenhaus“, „Krankenpflegemanagement“ und „Pflegewissenschaft“ an der damaligen Fachhochschule Osnabrück. „Als ich damals die Stelle antrat, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, welche Entfaltungsmöglichkeiten ich für die Pflege im damaligen Fachbereich Wirtschaft an der Fachhochschule Osnabrück bekommen würde“, sagte die ehemalige Pflege-Professorin in ihrer Dankesrede.
Gründerin des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)
Von 1992 bis 2012 war Schiemann als Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück tätig. 1992 wurde sie als deutsche Vertreterin in den Lenkungsausschuss des Europäischen Netzwerks für Qualitätssicherung in der Pflege (EuroQUAN) berufen. Im selben Jahr begann sie mit dem Aufbau des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) an der Hochschule Osnabrück und leitete das Netzwerk bis zu ihrer Emeritierung 2012.
Ende der Neunzigerjahre startete sie im DNQP mit der Entwicklung der ersten evidenzbasierten Expertenstandards in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat und finanzieller Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums. Bis 2012 konnten sieben Expertenstandards auf den Weg gebracht werden zu Themen, die ein besonders großes Qualitätsrisiko in der Pflege darstellen, wie unter anderem zu Dekubitalgeschwüren (sogenanntem Wundliegen), Stürzen, Schmerzzuständen und chronischen Wunden. Das DNQP ist bis heute bundesweit der wichtigste Motor für die Professionalisierung der Pflegepraxis.
Gefragte Expertin auf nationaler sowie internationaler Bühne
Schiemann war zudem Mitglied im Ethikrat des Bundesministeriums für Gesundheit (1999-2002) sowie in zahlreichen weiteren nationalen wie auch internationalen Beiräten, Expert*innengruppen und Gremien tätig, wie dem wissenschaftlichen Beirat des deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (2001-2004). Außerdem arbeitete sie als Beraterin und Berichterstatterin der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie als Kommissionsmitglied beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF).
2005 wurde die Osnabrücker Pflegewissenschaftlerin mit der Agnes Karll Medaille des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Deutschen Pflegepreis vom Deutschen Pflegerat (DPR).