Wie stellt sich die Gen Z Arbeit vor?
Das nachfolgende Interview für den “Wissenssnack” hat Hochschul-Redakteurin Miriam Kronen mit Prof. Dr. Dagmar Schütte geführt. Sie ist Professorin für Kommunikationswissenschaft am Campus Lingen und hat zu dem Thema „Führung im Wandel? Leistung, Führung, Ansprache und die Generation Z“ ein empirisches Projekt mit Studierenden des Bachelorstudiengangs Kommunikationsmanagement durchgeführt.
Frau Schütte, wie kam es zu dem Projekt?
Am Institut für Kommunikationsmanagement (IKM) forschen wir mit Studierenden des Bachelorstudiengangs im Rahmen eines sogenannten empirischen Projekts in jedem Sommersemester zu aktuellen spannenden Themen. Dabei lernen die Studierenden, ein Projekt von Anfang bis Ende aufzusetzen und auch die Datenanalyse am Schluss durchzuführen.
Vor einiger Zeit kam IKM-Absolventin Andrea Klemz von der Unternehmensberatung „Leading Forward“ mit dem Vorschlag auf mich zu, die Generation Z (Anmerkung der Redaktion: Die Generation Z bezeichnet junge Menschen, die zwischen den Jahren 1995 und 2010 geboren sind) zu untersuchen. Ich fand die Idee gut, und es ist immer schön, wenn man den wissenschaftlichen Anspruch mit einem Thema kombinieren kann, das die Studierenden interessiert. Am Ende hatten wir 247 Personen in der Stichprobe. Aufgrund der Rekrutierung durch Studierende besteht die Stichprobe auch etwa zur Hälfte aus Studierenden. Etwa 40 Prozent der Stichprobe machen jedoch Angehörige der Generation Z aus, die bereits “im Job” sind, wenn man auch die Auszubildenden mitrechnet.
Warum ist es so spannend, die Gen Z zu untersuchen?
Hier war es natürlich spannend, dass die Studierenden zu ihrer eigenen Generation forschen konnten: Wie steht denn meine Generation zum Thema Arbeit, zum Thema Leistung und Führung? Zusätzlich war es spannend, weil man gerade im Zusammenhang mit Generationen mit vielen Vorurteilen zu tun hat. Deshalb haben wir auch in der Studie abgefragt, mit welchen Vorurteilen die Generation konfrontiert ist. Dabei war es interessant zu erfahren, inwiefern erstens die Generation Vorurteile erlebt und zweitens, ob sie Haltungen zeigt, die möglicherweise sogar Anlass geben könnten, solche Vorurteile zu pflegen. Aber zuerst wollten wir wissen, was denn nun die Gen Z in Bezug auf Fragen der Leistung und der Führung tatsächlich ausmacht, was typisch für sie ist.
Was erwartet sie von der Arbeitswelt?
Wir haben herausgefunden, dass es für die Gen Z auf allen Ebenen passen muss. Das ist im Grunde unser Hauptergebnis. Überspitzt könnte man sagen, sie wünschen sich von ihrem Arbeitgeber ein “Rundum-Wohlfühl-Paket”: Das Gehalt sollte stimmen, die Arbeitszeit sollte flexibel sein, das sagen fast 70 Prozent der Befragten, und mit den eigenen Bedürfnissen gut zusammengehen.
Darüber hinaus ist der Anspruch, dass sich das Unternehmen durchaus kümmern und Entwicklungsmöglichkeiten bieten soll. Das bezieht sich nicht nur auf die Karriere, sondern auch auf die persönliche Weiterentwicklung. Zusammengefasst sind die Erwartungen an die Arbeitswelt bei fast 70 Prozent der Befragten: Ein gewisses “Arbeitswohlfühl-Gefühl”, die Akzeptanz durch Führungskräfte, eine möglichst hierarchiefreie Gestaltung und zusätzlich Sicherheit des Arbeitsplatzes, Entwicklungsmöglichkeiten und ein guter Verdienst.
Was wünscht sich die Gen Z von der Führung?
Die Führungskräfte sollten nahbar und ansprechbar sein sowie auf Augenhöhe kommunizieren. Das fängt schon bei der Ansprache an. Die Befragten sind auch bereit, den Arbeitgeber zu wechseln, wenn diese Faktoren nicht optimal zusammenpassen. Natürlich kann man nicht sagen, dass in der Gen Z alle gleich sind, aber die Ergebnisse sind hier schon deutlich. Wir haben beispielweise ein Item in den Fragebogen aufgenommen, das durch die Studierenden vorgeschlagen wurde: “Mir ist es wichtig, eine nahbare Führungskraft zu haben, mit der ich Probleme, Sorgen und Wünsche teilen kann”. Das haben rund 50 Prozent der Befragten tatsächlich angekreuzt. Das heißt, die Führungskräfteansprache sollte für die Gen Z hierarchiefrei, offen und nahbar sein.
Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Unternehmen?
Auf die Unternehmen kommt eine ganze Menge zu. Sie müssen sich im Grunde auf allen Ebenen anpassen, insbesondere bei der Ansprache. Was wir ganz klar herausgefunden haben, ist, dass die bevorzugten Kanäle, um sich über neue Jobs zu informieren: Social Media (90,3 Prozent), das soziale Umfeld (72 Prozent) und die Karrierewebsite der Unternehmen (68 Prozent) sind. Wichtig ist der Gen Z eine nahbare Darstellung auf der Unternehmens-Website. Das heißt, sie möchten sich angesprochen fühlen und dazu gehört auch oftmals das Duzen. Manche Unternehmen stehen deshalb vor einer schwierigen Gratwanderung: Duzen oder Siezen? Insofern kommt eine kommunikative Herausforderung auf die Unternehmen zu.
Dazu gehört aber auch, dafür zu sorgen, dass ein Teil dieses “Rundum-Wohlfühl-Pakets” realisiert wird, etwa: Entwicklungsperspektiven, eine gewisse Jobsicherheit und gute Rahmenbedingungen zu bieten. So zählt beispielsweise für 49 Prozent der Befragten zu den Aspekten, die einen Arbeitsplatz attraktiv machen, neben dem Gehalt und dem Aufgabenfeld, dass das Unternehmen die persönliche und berufliche Entwicklung und Weiterbildung fördert. Aber nur 23 Prozent sagen, dass es ein Unternehmen attraktiv als Arbeitgeber macht, wenn es für Werte steht, mit denen man sich identifiziert. Das heißt, die Rahmenbedingungen müssen passen. Werte wie Sinnhaftigkeit im Job rücken eher in den Hintergrund.
Was haben Sie noch herausgefunden?
Das überraschendste Ergebnis ist, dass die Gen Z ein ganz anderes Verständnis von Leistung hat. Leistung bedeutet für sie nicht mehr, ich mache sehr viel oder ich engagiere mich besonders, wenn großer Bedarf besteht. Für die Gen Z ist Leistung: Ich erfülle meine Arbeit ordentlich, engagiert und mit guter Qualität. Der Begriff ist aber nicht mehr mit zeitlicher Mehrarbeit verbunden oder damit, dass man auch einmal Aufgaben übernimmt, die nicht in den eigenen Bereich fallen, wenn die Situation es erfordert. Darauf müssen sich auch Arbeitgeber einstellen.
Hat sich die Vorbereitung der Studierenden auf die Berufswelt am Campus Lingen im Laufe der Jahre verändert?
Durch unterschiedlichste gesellschaftliche Bedingungen haben wir eine Entwicklung, die dafür sorgt, dass es den Menschen insgesamt schwerer fällt, sich über eine gewisse Zeit zu konzentrieren. Darüber klagen auch Ausbildungsbetriebe. Das betrifft sicherlich alle Generationen und nicht nur die Gen Z. Auch mal Durststrecken zu überwinden, ist eine weitere wichtige Erfahrung, die die Studierenden lernen müssen. Aber im Grunde müssen wir die Gen Z jetzt für die zweite Stufe der Karriereleiter qualifizieren, weil die erste zunehmend, auch durch KI wegfällt. Das müssen wir den Studierenden, aber auch den Dozentinnen und Dozenten bewusst machen. Das wird auch das “System Hochschule” insgesamt sehr verändern.
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für den Wissenssnack genommen haben.
Von: Miriam Kronen