„Das Ziel ist, Stressoren im Therapieraum erfahrbar und steuerbar machen“ Montag, 11. August 2025

Eine neue App der Hochschule unterstützt Logopäd*innen bei der Therapie von Menschen mit Stimmstörungen
Jannis Hansa arbeitete bis vor Kurzem als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt ProVoiceVR an der Hochschule Osnabrück. Im Projekt wird eine App für Logopäd*innen entwickelt, damit Menschen mit Stimmstörungen gezielter therapiert werden können. Wie das geht, erklärt Hansa im Wissenssnack.
Hochschule: Die Anwendung wurde speziell für Menschen konzipiert, die aus beruflichen Gründen viel, manchmal auch laut, sprechen müssen und deshalb unter Stimmstörungen leiden. Wer ist betroffen und um welche Stimmstörungen geht es?
Hansa: Klassischerweise finden sich in der logopädischen Stimmtherapie sehr viele Menschen, die in sogenannten „Sprechberufen“ arbeiten, also Jobs, in denen die Stimme eines der Hauptwerkzeuge darstellt. Das sind oft Lehrkräfte, Erzieher*innen, Verkäufer*innen usw., die nicht nur viel sprechen müssen, sondern bei denen die Umstände, zum Beispiel Raumakustik oder Hintergrundlärm, häufig auch noch sehr ungünstig für eine reibungslose Stimmgebung sind, da sie eine besonders laute und tragfähige Stimme erfordern. Durch eine konstante Überbelastung der Stimme können vielfältige Schwierigkeiten entstehen, die sich in ständiger Heiserkeit, chronischem Räusperzwang oder Stimmversagen äußern. Darüber hinaus gibt es auch noch weitere Ursachen für Stimmstörungen, wie zum Beispiel Stimmbandschädigungen durch den Beatmungsschlauch bei OPs oder Nervenschädigungen durch Virusinfektionen, die aber meist eine andere therapeutische Herangehensweise erfordern.
Hochschule: Ihr eine App entwickelt, die den Betroffenen hilft, wenn sie eine Therapie beim Logopäden beginnen, weil sie Szenen aus dem Berufsalltag simuliert. Wie funktioniert das?
Hansa: Unsere App ist vor allem als Werkzeug für Therapeut*innen gedacht und soll keinesfalls eine Therapie ersetzen, sondern vielmehr ergänzen. Eine Schwierigkeit in der Therapie stellt oft der erhebliche Unterschied zwischen Therapieraum und Alltag dar. Während man in der Therapie in einem ruhigen Raum unter vier Augen spricht, gibt es im Alltag in der Regel viele Stressoren, die die Stimmgebung beeinflussen. Wenn man immer nur im „entspannten“ Therapiesetting übt, fällt es vielen Leuten daher schwer, das Gelernte auch in den stressigen Alltag zu übertragen. Das Ziel unserer Anwendung ist daher, diese Stressoren auch im Therapieraum erfahr- und steuerbar zu machen und im geschützten Therapiesetting die schwierigen Situationen zu üben. Das gelingt mittels Virtual Reality (VR). Die Technik erlaubt es uns, beliebige Szenarien zu erstellen, in denen man sich frei bewegen kann und die sich dadurch sehr real anfühlen. Aktuell bietet unsere App circa 20 verschiedene Szenarien, wie Klassenzimmer, Meetingraum oder Café, die je nach Bedarf der Patient*innen ausgewählt, mit virtuellen Avataren gefüllt und im Stresslevel angepasst werden können.
Hochschule: Angenommen, eine Erzieherin hat Schwierigkeiten im Arbeitsalltag, sie kommt gegen die vielen und lauten Stimmen der Kinder schwer an und ihre Stimme ist vom häufigen und lauten Sprechen erschöpft. Was und wie kann mit der App trainiert werden?
Hansa: Am Anfang steht natürlich eine sorgfältige logopädische Diagnosestellung, um die individuellen Schwierigkeiten und Kompensationsmechanismen zu identifizieren. Wenn sie dann nach einigen Behandlungseinheiten gelernt hat, auf ihre Atmung und eine unangestrengte Stimmgebung zu achten, könnte sie in der Therapie mit unserer App in ein Kita-Szenario geschickt werden, wo sie sich einigen virtuellen Kinder-Avataren gegenübersieht, die sie zur Ruhe rufen soll. Wenn sie ihre Stimme auch in dieser Situation kontrolliert einsetzen kann, könnte man das Schwierigkeitslevel erhöhen, indem man mehr Kinder hineinsetzt, diese unruhig werden lässt und zusätzlich noch Baustellenlärm einspielt. Damit kann geübt werden, bis die Patientin es auch unter schwierigen Bedingungen schafft, ihre Stimme bewusst und schonend einzusetzen. Wenn sie sich dann im Alltag in ähnlichen Situationen wiederfindet, hat sie bereits Erfahrung gesammelt und kann bestenfalls schneller und erfolgreicher darauf reagieren.
Hochschule: Und wenn ich beruflich häufig Vorträge vor größerem Publikum halten muss und mir dabei die Stimme versagt, weil ich nervös bin und mich unwohl fühle, kann mir die App auch dabei helfen?
Hansa: Prinzipiell ja, da auch solche Situationen simuliert und dadurch trainiert werden können. Allerdings bezahlt die Krankenkasse eine logopädische Therapie nur, wenn sie ärztlich verordnet wurde; es müsste also eine medizinische Indikation bestehen. Aktuell ist die VR-App nicht dafür gedacht, auf eigene Faust und ohne therapeutische Begleitung verwendet zu werden.
Hochschule: Wie sind die Rückmeldungen der Patient*innen und Therapeut*innen, die eure App in der Therapie ausprobiert und eingesetzt haben? Was funktioniert gut und wo wollt ihr noch besser werden?
Hansa: Sowohl von Stimmtherapeut*innen als auch von deren Patient*innen haben wir viele positive Rückmeldungen zur grundlegenden Idee der App erhalten. Der Ansatz, die Diskrepanzen zwischen Therapie- und Alltagssituation mittels VR zu verringern, wurde sehr oft hervorgehoben. Manche erklärten auch, dass sie die App diagnostisch einsetzen wollen würden, um beobachten zu können, wie sich Patient*innen in stimmlich anspruchsvollen Situationen verhalten und dadurch bessere Einsichten in die Problematik zu erhalten. Da es sich um einen Anwendungsprototypen handelte, gab es natürlich einige technische Schwierigkeiten, an denen gefeilt werden muss, damit die App stabil läuft und den Anforderungen und Wünschen der Therapeut*innen und Patient*innen gerecht wird. Geplant ist für die fertige Version bspw. eine Einbindung von KI-Modellen, um die Stimmqualität beurteilen oder die Avatare intelligente Antworten geben lassen zu können.
Hochschule: Wie geht es weiter mit dem Projekt und wird die App, die mit Unterstützung externer Partner entwickelt wurde, darüber hinaus eingesetzt werden können?
Hansa: Da viele gute Ideen leider nicht den Sprung vom Projekt zum Produkt schaffen, war für uns von Anfang an das Ziel, durch die Kooperation mit einer VR-versierten Firma die Anwendung nach Abschluss des Projekts fertigstellen und zur Verfügung stellen zu können. Als Hochschule war unsere Aufgabe im Projekt die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des anfänglichen Entwicklungs- und Evaluationsprozesses. Wenn die Projektlaufzeit diesen Sommer endet, wird die App daher trotzdem von der Firma VReedback GmbH weiterentwickelt. Aktuell ist geplant, die fertige, ausgereifte Anwendung im nächsten Jahr nach einer finalen internen Testphase an interessierte Therapeut*innen verkaufen zu können.
Weitere Informationen zur App:
www.ProVoiceVR.de
Von: Isabelle Diekmann